Anne Will - Sendung vom 29.8.2010 im ZDF: "Killerkeime im Krankenhaus - Wie gefährlich sind unsere Kliniken ?"
Kommentar zur Sendung:
Unsere Forderung: Herr Plasberg, arbeiten sie das Thema auf und zwar "hart aber fair"!

Wir sind über den Verlauf der ZDF-Sendung "Anne Will" und die Inhalte enttäuscht. Ein so wichtiges und brisantes, jeden Bürger potentiell oder tatsächlich betreffendes Thema - mehr als 20 Millionen Krankenhausbehandlungen jährlich - bedarf sehr sorgfältiger Vorbereitung, um die Probleme in Deutschland wirklich erkennen, ansprechen und rhetorisch gut geschulten Ärzte- und Krankenhausvertretern entgegen treten zu können. Fragen nach der Händehygiene eines überwiegend als Lobbyist tätigen Ärztevertreters sind eine Peinlichkeit. Eine Chance der Aufklärung der deutschen Öffentlichkeit wurde vertan, die Sendung war inhaltlich - unseres Erachtens - überschaubar, sie war mehr ein Forum für die Vereinigung der Krankenhäuser und den Vertreter der Ärzte, wieder Geldknappheit zu beklagen, andererseits aber zu behaupten, sämtliche Kliniken in Deutschland setzten die Richtlinien des Robert-Koch-Institutes um.

Die Darstellung von Herrn Montgomery und Herrn Braun zeigt aus meiner Sicht ein Stück weit, warum Deutschland kaum zu einer grundlegenden Verbesserung der Situation und einer spürbaren Reduzierung der Anzahl vermeidbarer Todesfälle durch Krankenhausinfektionen oder zu spät erkannte und behandelte septische Geschehen kommen wird. Pauschal wird behauptet - die Mehrzahl der Kliniken in den von uns bundesweit geführten Prozessen wegen nosokomialer Infektionen argumentiert so - die deutschen Kliniken hielten die von Herrn Montgomery - zu Recht - für juristisch verbindlich erachteten RKI-Richtlinien in den Krankenhäusern strikt ein.

Wir haben bei der Vertretung dieser Fälle in den letzten Jahren gelernt, dass diese Behauptung in dieser Pauschalität widerlegbar ist. Wenn Kliniken in Prozessen angehalten werden, sich nicht pauschal sondern konkret zu erklären, durch welche organisatorische Struktur die Umsetzung der RKI-Richtlinien sichergestellt ist, fällt ihnen dies oft sehr schwer. Auch Fälle wie jüngst in Süddeutschland belegen, dass die RKI-Richtlinien eben nicht ausnahmslos vollständig umgesetzt werden. Wenn die Kliniken die RKI-Richtlinien ausnahmslos umsetzten, hätten wir in Deutschland nicht nach Schätzungen bis zu einer Millionen Krankenhausinfektionen.

Bedauerlich ist, dass es der anwaltlichen Kollegin und auch dem politischen Vertreter nicht gelungen ist, diese immer widerkehrenden "Ablenkungsmanöver" - das Geld für Hygiene fehlt - zu entlarven und mit klaren Fakten und genauer Darlegung der teilweise katastrophalen Missstände auf hygienischem Gebiet in einigen Kliniken dagegen zu halten. Die anwaltliche Kollegin nahm die Anzahl ihrer Akten zum Anlass, von einer Zunahme der Infektionsfälle zu sprechen. Wir bearbeiten diese Verfahren seit vielen Jahren in ganz Deutschland, auf entsprechende Fragen nach einer Zunahme der Fälle haben wir immer klar formuliert, dass die Anzahl der Akten in Anwaltskanzleien natürlich nicht repräsentativ sein dürfte. Ein klares Signal ist die hohe Dunkelziffer, kaum ein verstorbener Patient, dessen Angehörige wir vertreten und der an einer Sepsis verstorben ist, hat nicht "Multiorganversagen" und "natürlicher Tod" im Totenschein stehen. Solche Fälle gehören nicht in die Hände von Rechtsmedizinern, die nicht selten dem identischen Klinikverband angehören. Die Beurteilung muss durch neutrale Gutachter auf dem Gebiet der Mikrobiologie und Hygiene vorgenommen werden. In vielen Fällen geschieht dies nicht. Viele der alten Menschen, die im Krankenhaus an einer Lungenentzündung oder in Pflegeheimen an "Dekubiti" sterben, finden nicht Eingang in die Statistiken.

Das Beste an der Sendung war der blog im Internet. Herrn Montgomery und Herrn Braun wird empfohlen, diesen - jeden einzelnen Beitrag - genau zu lesen. Ähnlich groß war die "Anteilnahme" der Zuschauer und Geschädigten nach der ersten Sendung zum Thema bei "Frontal 21". Ich vermute, dass Herr Montgomery und Herr Braun auch nach der Lektüre des "blogs" und der massenhaft geschilderten, dramatischen und traurigen Schicksale sehr vieler Menschen sich nicht für die Notwendigkeit eines grundlegend veränderten Überwachungssystem der Hygiene in Krankenhäusern aussprechen. Die Sichtweise von Herrn Montgomery gibt den Kliniken "Steine statt Brot", denn die Allgemeinheit wird die hohen Folgekosten nosokomialer Infektionen auf Dauer nicht tragen können. Weniger Infektionen hieße weniger Leid der Menschen und mehr Profit für die Kliniken.

RA Dr. jur. Burkhard Kirchhoff
Patientenanwalt

Wilhelmstraße 9
35781 Weilburg / Lahn
06471 / 93 72 - 0
info@kirchhoff-anwalt.de
www.mrsa-anwalt.de